Sitten und Gebräuche in der Advents- und Weihnachtszeit

Wie erleben wir die Advents- und Weihnachtszeit? Wie viel Geschäftigkeit und Unruhe herrschen in den vorweihnacht-lichen Tagen, die doch eigentlich der Besinnung auf das kommende Fest dienen sollten! Kommen wir nicht durch unsere vielen umtriebigen Besorgungen und Vorbereitungen immer mehr dahin, dass Nebendinge zur Hauptsache werden und die Botschaft des Christfestes in den Hintergrund gedrängt wird? Was haben die vielen schönen Bräuche der Advents- und Weihnachtswochen mit der biblischen Weihnachtsbotschaft zu tun?
Dabei müssen wir wissen, dass das Christfest, wie wir es heute feiern, im Gegensatz zu Karfreitag und Ostern nicht zu den ursprünglichen christlichen Festen gehört. In der Urchristenheit hat man die Geburt Christi nicht gefeiert. Im Laufe der ersten Jahrhunderte wurden dann Geburt und Taufe Jesu zusammengenommen und mit dem Datum des 6. Januar, unserem heutigen Erscheinungsfest, dem "Fest der heiligen drei Könige" verbunden, so wie das in den orthodoxen Kirchen noch heutzutage geschieht.
Da das Geburtsdatum Jesu nicht bekannt ist und weder aus der Bibel noch aus zeitgenössischen Quellen abgeleitet werden kann, hat man es im frühen 4. Jahrhundert zur Zeit des römischen Kaisers Konstantin auf den 25. Dezember festgelegt. An diesem Tag der Sonnenwende wurde im heidnischen Römerreich das Hauptfest des Mithraskultes gefeiert; es war dem "unbesieg-baren Sonnengott" geweiht. Überall wurden große Feuer entzündet, um die langsam wieder aufsteigende Sonne zu begrüßen.
Es spricht für das Selbstbewusstsein der damaligen jungen Christenheit, dass sie dem heidnischen Sonnenfest ihr eigenes Lichterfest entgegensetzte. "Christus ist unsere neue Sonne", so sagte damals der Mailänder Bischof Ambrosius in einer Predigt. Er verstand mit den Christen jener Zeit die Bibelstelle aus Maleachi 3,20: "Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit", als eine Weissagung auf Christus. So ist der Ursprung des christlichen Weihnachtsfestes am 25. Dezember nichts anderes als ein Protest gegen den heidnischen Sonnenkult.
Unsere Vorfahren lebten bewusst mit dem Jahr der Kirche. Daraus erwuchs ihnen ein anschauliches Brauchtum. Wir haben heute dessen tieferen Sinn weithin vergessen oder verloren. Deshalb lohnt es sich, dem Sinn einiger solcher Bräuche einmal nachzugehen.
 
Der Adventskranz
Unser Adventskranz, geflochten aus immergrünen Tannen-zweigen, ist Sinnbild für Leben und Hoffnung. Die vier Kerzen auf dem Kranz deuten auf die vier Sonntage im Advent hin. An jedem Sonntag führt uns eine weitere Kerze, die wir anzünden, näher zum Christfest hin. Johann Hinrich Wichern, Begründer der Inneren Mission, hat in der 1833 von ihm gegründeten Rettungsanstalt "Rauhes Haus" in Hamburg erstmals einen solchen Kranz in der Adventszeit aufgehängt, zunächst in der Form eines Kronleuchters mit 24 kleinen Lichtern. Jeden Tag zu Beginn der Schule wurde ein Licht angezündet und eine Verheißung aus der Heiligen Schrift gelesen. So hat sich die Haus- und Schulgemeinde von Tag zu Tag mehr auf das nahende Weihnachtsfest gefreut und mit Luthers Lied das helle Licht des Christfestes erwartet:
"Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein' neuen Schein. Es leucht' wohl mitten in der Nacht und aus des Lichtes Kinder macht. Kyrieleis."

Das Weihnachtsgebäck
Schon in den ersten Adventstagen beginnen die Hausfrauen mit der Weihnachtsbäckerei. Die allermeisten von ihnen werden aber kaum etwas über die ursprüngliche Bedeutung des Gebäcks wissen.
Unsere Lebkuchen z.B. haben eine lange Geschichte.
Im Mittelalter hatten die Klöster besondere Gärten mit Heilpflanzen, die die Mönche zu Arzneien verarbeiteten. Aus den Heilkräutern wurden nicht wie heute Tabletten, sondern kleine Gebäckstücke geformt und gebacken. Sie sollten das Leben gesund erhalten. "Leb" hießen sie im Althoch-deutschen, also Heilmittel. So ist das Wort "Lebkuchen" entstanden.
Fast unübersehbar ist heutzutage die Vielfalt unseres Weihnachtsgebäcks. Jede Landschaft hat ihre eigenen Formen geprägt. Typisch schwäbisch sind die "Springerle", aber auch die anderen Gutsle sind beliebt, von A - Z, von den "Albertle " zu den "Zibebenbrötle ".
 
Der Barbarazweig
In manchen Wohnungen steht an Weihnachten ein blühender Zweig. Er wurde am 4. Dezember, dem Barbaratag, von einem Obstbaum gebrochen und hat sich in der Wärme zu voller Blüte entfaltet. Dieser Brauch geht, wie auch der nächste, auf eine Legende zurück.
Die heilige Barbara soll im 4. Jahrhundert als Tochter eines reichen Fürsten gelebt haben. Als sie zum christlichen Glauben übertrat, ließ ihr Vater sie ins Gefängnis werfen. Auf dem Weg dorthin streifte sie einen Kirschbaumzweig, brach ihn ab und stellte ihn in ihre Zelle. An ihrem Hinrichtungstag stand er in voller Blüte. Barbara soll damals gesagt haben: "Du schienst wie tot. Aber du bist aufgeblüht zu schönerem Leben. So werde auch ich nach meinem Tod zu neuern ewigen Leben aufblühen."
 
Der Nikolaustag
Viele Kinder freuen sich auf den Nikolaustag, der am 6. Dezember im Kalender steht. Nikolaus, der große Wohltäter der Kinder und der Armen, lebte im 4. Jahrhundert als Bischof von Myra. Die Legende erzählt, dass er sich sogar immer wieder verkleidet habe, um unerkannt den Menschen helfen und ihnen Gutes tun zu können.
In Erinnerung an diesen guten Bischof stellen die Kinder am Vorabend des 6. Dezember ihre Schuhe vor die Tür, damit der Nikolaus sie mit seinen Gaben füllen kann. Oft kommt er an mit genauen Kenntnissen über das Betragen der Kinder, lohnt die Guten und straft die Bösen mit der Rute. Sein Helfer bei diesen Gängen in die Häuser ist sein Knecht Ruprecht. Beide Gestalten wurden im 19. Jahrhundert von Theodor Storm in einem weit bekannten Gedicht besungen: "Von drauß' vom Walde komm ich her ".
 
Der Christbaum
Am Heiligen Abend schmücken wir im Weihnachtszimmer den Christbaum mit Kerzen und bunten Glaskugeln, mit Sternen aus Stroh und mit Lametta. Auf ein Glockenzeichen hin versammelt sich dann die Familie unter dem Christbaum zum Singen, Hören und Schenken.
Schon die alten Germanen stellten einst in der dunklen Zeit des Jahres grüne Zweige in ihre Wohnungen, in der Hoffnung, dass von ihnen Heil- und Segenskräfte ausgehen. Etwa seit der Zeit der Reformation wird bei uns ein Tannenbaum mit seinen immergrünen Zweigen ins Zimmer geholt. Seit jener Zeit kennt man auch Lieder über den Tannenbaum, "er grünt nicht nur zur Sommerzeit, nein, auch im Winter, wenn es schneit." Der grüne Baum erinnerte in den Hirten- und Krippenspielen des Mittelalters an das Paradies aus der biblischen Schöpfungsgeschichte, aus dem die ersten
Menschen vertrieben wurden. Grün als die Farbe der Hoffnung weist auf die Treue Gottes hin, die auch im "härtesten Winter" der Menschenschuld bestehen bleibt, weil Jesus, der Versöhner, gekommen ist.: "Christ ist erschienen, uns zu versühnen. Freue, freue dich, 0 Christenheitl" Und die Kerzen am Baum sollen anzeigen, dass Jesus als das Licht der Welt zu uns gekommen ist, und dass er auch unser Leben in sein Licht ziehen will.
 
Die Geschenke
Als einst die Weisen aus dem Morgenland nach Bethlehem
gezogen kamen, legten sie kostbare Geschenke vor der Krippe des neugeborenen Kindes nieder, Gold, Weihrauch und Myrrhe. Etwas von der Freude der Weisen über die Begegnung mit dem Krippenkind spiegelt sich in den Geschenken, die wir einander zum Christfest machen. Freilich, nicht diese Geschenke, und wenn sie noch so wertvoll sind, sollen den Mittel- und Höhepunkt des Festes bilden, sondern das große Geschenk, das Gott uns mit Jesus, seinem Sohn, dem Kind in der Krippe, gemacht hat. Ihn, den Heiland der Welt anzubeten - das ist der tiefste Sinn des Christfestes.
 
Die Weihnachtskrippe
Franz von Assisi, der große Heilige des frühen Mittelalters, hat anfangs des 13. Jahrhunderts erstmals Figuren der heiligen Familie bei einer Weihnachtsfeier aufgestellt. Von da an hat sich der Brauch der Weihnachtskrippen allmählich in ganz Europa ausgebreitet. Im 18. und 19. Jahrhundert, vor allem in der Zeit des Barock, kam es dann zu einer Hochblüte kunstvoll gefertigter Krippen, die wir heute in Kirchen und Heimatmuseen bestaunen können. Selbst Menschen, die
dem christlichen Glauben nicht viel abgewinnen können, stellen mit Selbstverständlichkeit Krippenfiguren unter den Christbaum.
 
Und der Sinn dieser Bräuche?
Durch lange Jahrhunderte sind diese Bräuche gewachsen, bis sie die Form gefunden hatten, die wir heute kennen. Sie weisen, wenn wir sie recht verstehen, über sich selbst hinaus und wollen uns den Weg zum Geheimnis der Weihnacht, zu Jesus Christus, zeigen. Sie bilden das äußere Gefäß, in dem neben dem Wort der Heiligen Schrift - die Botschaft von dem menschgewordenen Gottessohn aufbewahrt ist. Darum dürfen wir sie nicht einfach als überflüssige oder nur ablenkende Nebensachen abtun. Freilich gilt es, über alle diese schönen Bräuche hinaus, den Inhalt ihrer Botschaft zu erspüren und zu ergreifen. Der Mystiker Johannes Scheffler hat diesen Inhalt einmal so beschrieben: "Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärst in Ewigkeit verloren."
                                                                                                Theo Sorg

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