
Philipp Melanchthon
Vor 450 Jahren ist der zweitwichtigste Mann der Reformation gestorben: Philipp Melanchthon.
Am 19. April 2010 war sein Gedenktag.
Er ist weit weniger bekannt als Martin Luther. Er stand sozusagen immer in der zweiten Reihe. Aber er verdient es, dass wir an ihn denken und seine Bedeutung würdigen.
Über seinem Geburtshaus in Bretten im Kraichgau steht das Wort aus dem Römerbrief 8,31: „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“
Dieses Wort hat sich Philipp Melanchthon zu seinem Leitwort gewählt. Er hat zusammen mit Martin Luther und vielen anderen damals die Kirche auf die Grundlage dieses Evangeliums gestellt, ¬auf die Botschaft von der unbedingten Gnade und Barmherzigkeit Gottes.
Aber was war er für ein Mann?
Geboren wird Philipp Melanchthon am 16. Februar 1497 in Bretten als Sohn des Waffenschmieds und kurpfälzischen Rüstmeisters Georg Schwarzerdt und seiner Frau Barbara in Bretten geboren. Der Name „Melanchthon“ ist die griechische Übersetzung von „Schwarzerdt“.
Er wächst im Hause des Großvaters auf, dem Bürgermeister von Bretten. Die bedrückendste Erfahrung der Kindheit ist die Krankheit des Vaters. Bei einem Feldzug trinkt er aus einem vergifteten Brunnen. Er siecht dahin und stirbt nach vier Jahren.
Kurz vor seinem Tod verabschiedet er sich von seinem elfjährigen Ältesten: "Dir aber gebiete ich, mein Sohn, fürchte Gott und führe ein ehrbares Leben."
Philipp Melanchthon war ein durch und durch friedfertiger Mensch. Das hat sicherlich seinen Grund in der persönlichen Erfahrung dessen, was der Krieg alles mit sich bringt an menschlichem Leid und Katastrophen.
Er warnt auch später immer wieder vor Krieg.
Er sieht voller Sorge die konfessionellen Bürgerkriege aufziehen.
Äußerlich war Philipp Melanchthon keine beeindruckende Erscheinung. Ein Winzling, eins fünfzig groß.
Aber mit 21 Jahren ist er bereits Professor für Griechisch. Mit 22 Jahren wirkt er an der Universität in Wittenberg. Die akademische Welt ist von ihm begeistert. Der große Geist im kleinen Körper!
Seine Zeitgenossen sind beeindruckt von seinem ungeheuren Wissen, von der Präzision seines Denkens und von der Klarheit seiner Sprache.
Auch Martin Luther ist von ihm tief beeindruckt.
Melanchthon ist ungeheuer fleißig. Jeden Morgen um sieben fängt er mit seinen Vorlesungen an. Und zwar lehrt er alle Fächer, die es damals gibt: lateinische und griechische Grammatik, Rhetorik, Logik, Astronomie, Physik, Seelenlehre, bis hin zur Exegese der Bibel. Er ist ein Universalgelehrter.
In Wittenberg wird er zu einer tragenden Persönlichkeit, zu einer treibenden Kraft der Reformation. Er ergänzt und unterstützt Martin Luther. Er verfasst eine Glaubenslehre, die sog. Loci communes. Er schreibt das Augsburger Bekenntnis, die bis heute bedeutendste evangelische Bekenntnisschrift.
Beides zusammen bildet die lehrmäßige Grundlage für die evangelische Kirche bis zum heutigen Tage.
Ohne Melanchthon hätte sich die Reformation nicht so nachhaltig durchsetzen können.
Martin Luther steht in der Reichsacht und unter dem päpstlichen Bann. Er darf das sächsische Herrschaftsgebiet nicht verlassen. Deshalb muss Melanchthon als "Außenminister der Reformation" agieren. Ein Drittel seines Lebens ist er auf Reisen zu Reichstagen und Religionsgesprächen, auf Visitationen in Kirchgemeinden und Schulen.
Damals ging das Reisen auch noch viel langsamer als heute.
Vor allem hat Melanchthon sich zusammen mit Luther für die Gründung von Schulen eingesetzt. Gerade für die Bildung des Volkes hat er unendlich viel getan.
Deshalb bekam er später auch einen Ehrentitel: „Lehrer Deutschlands“, Präceptor Germaniae.
Er hat Lehrpläne erstellt, Schulbücher geschrieben.
Seine Schulbücher wurden in hoher Auflage gedruckt und an vielen Schulen und Universitäten benutzt.
Sie waren in ganz Europa verbreitet. Übrigens nicht nur im protestantischen Europa: Viele katholische Leser haben sie gelesen. Sie haben dann in den Büchern Melanchthons das jeweilige Titelblatt herausgerissen, damit sein Name nicht mehr zu lesen war. In den Augen der Katholiken war er ein Ketzer. Aber seine Bücher haben sie trotzdem gelesen, weil sie eben lesenswert waren und weil es nichts Besseres gab.
Bildung ist ein elementares Anliegen der Reformation. Das Motto der Reformation ist: „Bildung für alle“. Jeder soll lesen und schreiben können und somit Zugang zum Wort der Bibel haben. Und jeder soll durch Bildung zu einem besseren Leben kommen können.
Melanchthon hat damals schon großen Wert auf die sprachliche Schulung der jungen Menschen gelegt.
Er war der Auffassung, dass ein nachlässiger oder fehlerhafter Sprachgebrauch auch auf fehlerhaftes Denken hinweist.
Das hört sich ganz modern an. Dabei denken wir an die frühkindliche Sprachförderung in der Elementarpädagogik. Melanchthon wusste, wie wichtig die Sprache in der Entwicklung eines jungen Menschen ist. Das ist bis heute so. Denken wir nur an die Migrantenproblematik.
Wir können das nur aufnehmen und beherzigen, was damals vor 450 Jahren gesagt und praktiziert wurde.
Melanchthon heiratet 1521. Man muss sagen: Er wird verheiratet. Er selber hatte eigentlich gar keine Lust zu heiraten. Natürlich, es ist Martin Luther, der ihm die Ehefrau aussucht und ihn verheiratet mit Katharina Krapp aus Wittenberg.
Vier Kinder werden ihm geboren. In seiner Familie gibt es auch manches Leid und manche Familiennot. Gerade die Wege und Schicksale seiner Kinder haben ihm sehr zugesetzt.
Melanchthon war gewiss ein frommer Mann. Er war nicht nur ein Gelehrter, sondern gleichzeitig auch ein Beter. Er sagt einmal:
"Das weiß ich: Sooft ich mit Ernst gebetet habe, bin ich gewiss erhört worden und habe mehr erlangt, als ich erbeten habe.“
Aber es blieb ihm nicht die Not des irdischen Lebens erspart.
Ganz schmerzlich ist es für ihn, als 1557 seine Frau stirbt. Sie hat die Familie versorgt. Sie war Melanchthons Trost und Stütze.
Melanchthons letzte Jahre sind verdüstert. Es gibt konfessionelle Spaltungen. Es droht sogar Bürgerkrieg. Dazu kommen persönliche Schicksalsschläge.
Aber am Ende kann er doch voller Gottvertrauen die Augen schließen. Er stirbt am 19. April 1560 und wird in der Schlosskirche zu Wittenberg neben Luther beigesetzt.
