Julius Heuss, ein Pfarrerssohn aus Walddorf

Diese Ansicht von Kirche und Pfarrhaus in Walddorf dürfte um 1845 entstanden sein. Das Bild zeigt noch die Vorgängerkirche unserer jetzigen Johanneskirche. Es wurde vermutlich von Pfarrer J.G. Heuss in Auftrag gegeben. Das Bild befindet sich heute im Besitz der Nachfahren von Julius Heuss. Ein Nachdruck ist in unserem Gemeindehaus zu sehen.
- Gründer und Inhaber der größten Schokoladenfabrik in Russland
Im vorletzten Jahr - am 30. September 2007, gedachte die Stadt Neubulach des 100. Todestags ihres Ehrenbürgers Julius Heuss mit einer Ausstellung. Er wurde in Walddorf am 2. März 1832 als Sohn des hiesigen Pfarrers Jakob Gottfried Heuss geboren. In die Amtszeit von Pfarrer J.G. Heuss fiel die Einweihung der neu erbauten evangelischen Kirche im Jahr 1840. Bald danach wechselte Pfr. Heuss nach Neubulach. Seine Kindheit verbrachte Julius Heuss also im Wesentlichen in Walddorf.
Julius Heuss hat mit viel Geschick, Fleiß und Können etwas ganz Besonderes geschaffen: Russlands größte Süßwaren-fabrik. Zartbittere Träume für die Einen, Lohn und Brot für tausend Andere, die Mitarbeiter. Julius Heuss war nicht nur ein bedeutender Unternehmer, er war auch ein Wohltäter – auch für Neubulach, weshalb ihm die Stadt die Ehrenbürger-würde verliehen hat.
Das Lebenswerk von Julius Heuss ist bis heute an vielen Stellen sichtbar. Die von ihm gemeinsam mit Theodor Ferdinand von Einem – im Jahre 1870 in Moskau – ge-gründete Schokoladefabrik gibt es heute noch. Von Einem lieferte damals als gelernter Zuckerbäcker die Rezepte, Julius Heuss das kaufmännische Know-how. Fabrik und Marke heißen zwar nicht mehr „EINEM“, die größte und bekannteste Süßwarenfabrik besteht aber bis heute in Moskau und heißt inzwischen „ROTER OKTOBER“. Bis vor einem Jahr waren Fabrikation und Verwaltung der von Heuss in den Gründerjahren zu großer Blüte geführten Firma noch am selben Ort wie vor 100 Jahren, nämlich unmittelbar an der Moskwa, an der Südspitze der Jakimanka-Insel. Vom Kreml aus war das Gegenüber mit dem mächtigen Backsteinbau nicht zu übersehen.
Nach dem Tod von Julius Heuss führten fünf seiner Söhne die Firma weiter, bis sie im Jahre 1917 enteignet und verstaatlicht wurde. Bis dahin war das erfolgreiche Familienunternehmen auf 3.500 Mitarbeiter angewachsen.
Noch heute wird – wie vor hundert Jahren –die legendäre Waffel „Mischka“ produziert. 2.500 Mitarbeiter stellen rund 60.000 Tonnen Schokolade, Pralinen und Waffeln her, die es z.B. auch in Stuttgart zu kaufen gibt. Mittlerweile ist die Fabrikation an den Rand der Stadt verlegt. Am historischen Firmensitz entstehen Luxuswohnungen, Einkaufszentren und Parks. Lediglich das zentrale Gebäude mit dem alten Kontor, dem historischen Arbeitszimmer von Julius Heuss, dem Museum und einer Vorführanlage werden bestehen bleiben.
Heuss war ein überaus sozial eingestellter Unternehmer und schuf für seine Mitarbeiter Arbeitsbedingungen, wie sie es in Russland sonst noch nicht gab: Lohnfortzahlung an kirchlichen Feiertagen und bei Krankheit sowie eine lebenslange Pension für Mitarbeiter, die länger als 25 Jahre im Betrieb gearbeitet haben. Etwas Einmaliges, wenn man bedenkt, dass die Leibeigenschaft in Russland gerade abgeschafft war.
Julius Heuss starb 1907 im Alter von 75 Jahren.
