Gustav Werner (1809-1887)

12. 03. 2009, 200. Geburtstag
Gustav Werner (1809-1887)
Als der 30-jährige Gustav Werner am 14. Februar 1840 gemeinsam mit zwei Mitarbeiterinnen, zehn Waisenkindern und einem Leiterwagen zu Fuß von Walddorf bei Tübingen nach Reutlingen wandert, da ist seine Laufbahn als Pfarrer bereits zu Ende. Nach theologischen Differenzen mit der Kirchenleitung hat er sein Vikariat niedergelegt, um in Reutlingen die „Gottes-Hülfe“ für Waisen, Obdachlose und Behinderte zu gründen. Der Zug der kleinen Schar wird in der Folgezeit zu einer großen Bewegung: Heute bietet die BruderhausDiakonie in 14 Landkreisen Baden-Württembergs mit rund 3.500 Mitarbeitenden Betreuung, Therapie und Ausbildung für über 9.000 Menschen.
Schon das Tübinger Stift verlässt der am 12. März 1809 in Zwiefalten geborene Gustav Werner während seines Theologiestudiums bereits nach kurzer Zeit wieder. Durch seinen Vermieter kommt er in Kontakt mit der theosophischen Lehre des schwedischen Mystikers Emanuel Swedenborg, die ihn nachhaltig prägt. Während eines Studienaufenthalts in Straßburg bewegt sich Werner im Freundeskreis des Pfarrers Johann Friedrich Oberlin und erhält als Geschenk dessen Ring mit dem Auftrag, sein Werk der Liebe fortzuführen. Mit Swedenborg und Oberlin versteht Gustav Werner die Taten der Nächstenliebe als einziges Mittel zur Sündenvergebung: „Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert“. Damit bestreitet er ein Kernstück des lutherischen Bekenntnisses, nämlich die Rechtfertigungslehre, nach der Gott dem glaubenden Menschen Sündenvergebung und ewiges Heil „allein aus Gnade“ und nicht aufgrund menschlicher Leistungen gewährt. Die Kirchenleitung verbietet dem Walddorfer Vikar deshalb zunächst das Reisepredigen in anderen Kirchen; er weicht daraufhin auf Scheunen und Wirtshäuser aus. Schließlich verweigert er selbst die für eine Ordination ins Pfarramt erforderliche Verpflichtung auf die lutherischen Bekenntnisschriften und quittiert damit den Pfarrdienst bereits nach dem Vikariat.
Werke der Nächstenliebe
Am 8. November 1841 heiratet Gustav Werner Albertine Zwißler, eine seiner treuesten Mitstreiterinnnen. Die Ehe bleibt kinderlos. Seine Werke der Nächstenliebe treibt er von Reutlingen aus konsequent voran: 1862 gibt es neben dem Reutlinger „Bruderhaus“ in ganz Württemberg bereits 31 Zweiganstalten, in denen 437 Kinder und 216 Erwachsene leben. Mit der beginnenden Industrialisierung gründet Werner „christliche Fabriken“, die als „Tempel Gottes“ gleichzeitig faire Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten bieten und Gewinn zum Unterhalt der Rettungshäuser abwerfen sollen. 1865 bis 1869 ist Gottlieb Daimler Leiter der Mechanischen Werkstätte des Bruderhauses; seine wichtigste Stütze im Konstruktionsbüro ist der technische Zeichner Wilhelm Maybach, den Gustav Werner bereits als Zehnjähriger ins Bruderhaus aufgenommen hat.
Am 2. August 1887 stirbt Gustav Werner im Kreise seiner Hausgenossen. Bei der Beerdigung drei Tage später sagt der Reutlinger Oberbürgermeister vor fast 2.000 Trauergästen: „Unsere Stadt betrauert heute am Grabe Vater Werners ihren besten Bürger.“
Peter Steinle
